Zeitungskopf Sherlock Holmes-Kurier
Montag, 6.9.2010
Intelligenzblatt der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft
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Sherlock Holmes zählt zu den berühmtesten Personen, die nie existierten. Denn obwohl er bis heute nahezu täglich Post aus aller Welt an seine berühmte Adresse in der Baker Street erhält und gemeinhin als der "berühmteste Detektiv der Welt" bezeichnet wird, ist er tatsächlich "nur" eine literarische Figur, erfunden vom Arzt und Schriftsteller Arthur Conan Doyle.

Die ersten beiden Sherlock-Holmes-Romane erschienen 1887 (A Study in Scarlet) und 1890 (The Sign of the Four). Sie waren zwar leidlich erfolgreich gewesen, hatten aber weder den Detektiv noch seinen Autor berühmt gemacht. Das sollte sich ändern, als ab Juli 1891 die ersten kürzeren Sherlock-Holmes-Erzählungen im neu gegründeten Strand Magazine erschienen. Schlagartig wurde Sherlock Holmes' Name zum Synonym für einen erfolgreichen Detektiv – zunächst in England, bald darauf in den USA und dann sehr schnell in vielen Ländern auf der ganzen Erde, nicht zuletzt in Deutschland.

Ursprünglich sollte Holmes ein vergleichsweise kurzes "Leben" beschieden sein, denn bereits 1893 war Arthur Conan Doyle seiner populären Figur überdrüssig geworden und suchte nach einer Möglichkeit, ihn loszuwerden, um sich seinen von ihm höher geschätzten historischen Romanen widmen zu können. Also ließ er Sherlock Holmes in der Erzählung "The Final Problem" kurzerhand im Kampf mit seinem Erzfeind Professor Moriarty an den Reichenbachfällen in der Schweiz sterben.

Von den beträchtlichen Leserprotesten und eindringlichen Bitten des Herausgebers des Strand Magazine ließ sich Conan Doyle lange Zeit nicht beeindrucken. Für ihn war Holmes gestorben, "auch wenn ich mein Bankkonto mit ihm beerdige", wie er in seinem Tagebuch schrieb.

1901 schienen die Leser dann aber doch zu gewinnen. Mit dem berühmten Hound of the Baskervilles erschien ein neuer Sherlock-Holmes-Roman, der allerdings chronologisch vor Holmes' Tod spielte und daher noch keine richtige Wiederauferstehung bedeutete. Doch zwei Jahre später ließ sich Conan Doyle mit einem enorm großzügigen Geldangebot dann doch dazu bringen, Holmes tatsächlich wieder zum Leben zu erwecken und neue Abenteuer mit ihm zu verfassen. Glücklicherweise hatte es für Holmes' Tod in der Schweiz keine Zeugen gegeben, und eine Leiche war auch nie gefunden worden, so dass es möglich war, seinen Tod als Fehlinterpretation seitens Watson auszugeben. In Wirklichkeit war nur Professor Moriarty die Reichenbachfälle hinuntergestürzt, während Holmes aus Angst vor dessen Helfershelfern erst einmal untergetaucht war.

Fortan schrieb Conan Doyle in unregelmäßigen Abständen weitere Abenteuer. 1927, drei Jahre vor Conan Doyles Tod, erschien die letzte Holmes-Erzählung im Strand Magazine. Insgesamt zählen vier Romane und 56 Erzählungen zum offiziellen Sherlock-Holmes-Kanon.

Doch damit waren Sherlock Holmes' Abenteuer noch lange nicht zu Ende. Bereits zu Conan Doyles Lebzeiten hatten Theater, Kino und Radio den Detektiv zum Helden von Bühnenstücken, Filmen und Hörspielen gemacht, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Darüber hinaus haben sich im Laufe der Zeit immer wieder Autoren darin versucht, Dr. Watsons Berichte fortzuschreiben – mit sehr unterschiedlichem literarischem Erfolg, aber meist zur Begeisterung der Holmes-süchtigen Leser.

Parallel dazu entwickelte sich eine spielerische Pseudo-Wissenschaft, in deren Rahmen eifrige (und oft sehr gelehrte) Studenten des Holmes-Kanons eigene Theorien zu Holmes' Fällen, seiner Biographie und vor allen Dingen zu den vielen Ungereimtheiten aufstellen, die sich durch die Erzählungen ziehen. Sherlock Holmes und Dr. Watson werden hier als reale Personen betrachtet, die tatsächlich die von Dr. Watson berichteten Abenteuer erlebt haben.